Rezension: "India" von Andreas H. Bitesnich

Verlag: teNeues Verlag GmbH + Co KG
Eindrücke von Indien,
gefiltert durch Andreas H. Bitesnich
Hervorzuheben ist aber auch die Leistung des teNeues Verlag. Wer den Bildband erstmals in der Hand hält, spürt schon am Gewicht, dass es sich hierbei um ein Qualitätsprodukt handelt. Von der Papierart und Qualität über den Druck bis zur Bindung ist alles sehr hochwertig. Wie mir ein Besuch auf der diesjährigen Buchausstellung gezeigt hat, ist dies längst nicht mehr selbstverständlich. Was ich dort, von zum Teil bekannten Verlagen, als Bildband in den Händen hielt, konnte in manchen Fällen gar als Beleidigung des Fotografen und Betrachters gewertet werden.
Insgesamt ist »India« ein großformatiger Bildband, bei dem inhaltlich wie gestalterisch alles zusammen passt. Immer wieder ziehe ich das Werk aus dem Bücherregal und lass mich nach Indien versetzen, stelle mir die Szenerie, die Geräusche und Gerüche vor. Das fällt mir mit dem Bildband leicht, wird aber auch durch die Tatsache unterstützt, dass ich Indien sehr gut kenne und in den letzten zwanzig Jahren fünfzehnmal den Subkontinent bereist habe. An dieser Stelle setzt meine ganz persönliche Sichtweise auf den Bildband an. Andeas H. Bitesnich schreibt im Vorwort, dass der Fotograf der Filter ist, durch den die Bilder müssen. Sein Filter ist mir persönlich an manchen Stellen zu grau, fast schon klischeehaft. Indien als das arme, heruntergekommene Land. Es kommt darauf an, wie man Indien sehen will. Andreas H. Bitesnich zeigt mit seinen entsättigten, zum Teil düsteren Bildern eine Möglichkeit, die zahlreichen Facetten Indiens darzustellen. Man sieht, dass Bitesnitch sich von Elend, Dreck und Zerfall faszinieren lässt, was mir zu deutlich dargestellt wird. Ob es nun die ernsten Gesichter, die Leprastümpfe oder die runtergekommen Fassaden und völlig verdreckten Toiletten sind, an vielen Stellen habe ich das Gefühl hier wird das beliebte, typische Bild des morbiden Indiens bedient.
Als fast schon unangenehm empfinde ich dabei die Bildreihe über die Verbrennungsplätze in Varanasi. Dazu muss man wissen, dass es nicht gestattet ist, Tote, die verbrannt werden, in irgendeiner Form aufzunehmen. Das hat religiöse, moralische und ästhetische Gründe. Die Möglichkeit trotzdem Aufnahmen zu erstellen, kann nur durch mehr oder weniger unseriöse Mittel erreicht werden. Weshalb nun eine ganze Bildserie inclusive Zoomaufnahmen abgebildet wird, erklärt sich mir nur durch die Faszination, an der für uns ungewöhnlichen Art mit dem Tod umzugehen und dem Kick solche Aufnahmen zu veröffentlichen (wenngleich es dazu schon Hunderte gibt). Die meisten Inder würden beim Anblick dieser Bildreihe brüskiert sein. Nun hat das natürlich nicht viel mit der Qualität der Aufnahmen zu tun, sondern entspricht meiner persönlichen Einschätzung. Ich kenne Indien als pulsierendes, lebensfrohes Land. Mir würde es schwerfallen, ein so farbenfrohes, manchmal sogar quietschbuntes Land in Grautönen darzustellen. Dass Bitesnich das so eindrucksvoll gelingt, spricht natürlich für ihn und darf als Qualitätsmerkmal gewertet werden. Indien hat viele Facetten, Bitesnich Version ist eine davon. Natürlich gibt es die Armut und den Zerfall. Es gibt vor allem aber auch das freundliche, lebensfrohe Indien, mit seinen zahllosen Schätzen. Und das kommt mir bei Bitesnich eindeutig zu kurz. Ich habe drei Personen den Bildband gezeigt und gefragt, ob sie sich vorstellen könnten nach Indien zu reisen. Alle drei haben das verneint und damit begründet, dass die Bilder alles andere als auf ein einladendes Reiseland hinweisen. Wer sich von Indien ein differenzierteres Bild machen möchte, sollte sich neben diesen Bildband auch einen von Steve Mc Curry oder Ami Vitale ins Bücherregal stellen.
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